Ostergedenken in Belfast: Feldnotizen und Blumen

Ostermontag ist einer der wichtigsten Tage im Erinnerungskalender der Republik Irland. Aber wie feiern Republikaner in Belfast? Welche Rituale werden aufgefahren und wer nimmt teil? Und welche Blume passt dazu?

DOI: 10.17613/qtysv-rk840

Thank God it’s Monday

Ostermontag 2022, Belfast, kurz nach 12 Uhr mittags: Knapp, aber doch erreichte ich mein Ziel, den Treffpunkt für die Osterparade der IRSP, einer irisch-republikanischen Splittergruppe. Am Ostermontag gedenken Republikaner traditionell der Gefallenen und Hingerichteten aus ihrer Bewegung, die sich über die Osterfeiertage 1916 gegen die Briten auflehnten und deren Rebellion nach 5 Tagen von der britischen Armee niedergeschlagen worden war. Ich war hier, um die Parade zu begleiten und meine Eindrücke auf Fotos und Videos festzuhalten, hatte alles Nötige für meine Aufnahmen und  trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass etwas Wichtiges fehlte. Nur was?

Geschichtliche Analogien sind immer schwierig und verzerren meistens die Realität, aber Praktiken ähneln sich beizeiten doch: Die roten Fahnen, die frühmorgendlichen Versuche, wach und präsent zu erscheinen und das Begrüßen und Umarmen von Freunden, Familie und Weggefährten als Auftakt zum gemeinsamen Präsenzzeigen findet sich eins zu eins in einem mir sehr bekannten Ritual wieder: Den Feiern zum 1. Mai in Wien, dem Tag der Arbeit. Im sozialdemokratischen Jahr hat der Tag eine ähnlich wichtige Stellung wie der Ostermontag im Jahr der Republikaner. Ostermontag, der Tag des Aufstands gegen die britische Besatzung im Jahr 1916, die mit der standrechtlichen Hinrichtung von 15 Aufständischen endete und die republikanische Idee erst als Möglichkeit ins irische Bewusstsein des 20. Jahrhunderts holte.

Aufgerollte Fahnen und Grabkränze lehnen an einem Geschäft, Falls Road  ©Sarah Ritt, 2022

Ich entschied mich für teilnehmende Beobachtung der IRSP-Parade genau aufgrund der rituellen Ähnlichkeiten, so würde ich unter den um die 100 Teilnehmenden nicht auffallen, da ich ja ungefähr wusste, was mich erwarten würde. Der familiäre Aspekt fehlte natürlich komplett: Niemand rief meinen Namen, niemand umarmte mich, niemand mir Fremder legte mir die Hand auf die Schulter und sagte “Jö, die kleine Tochter vom R., du bist aber groß geworden!” Genau das erlaubte mir, mich komplett auf das rituelle Geschehen zu konzentrieren. Musik, Fahnen, das Aufmarschieren vermummter Paramilitärs, das langsame In-Bewegung-setzen der Parade in Richtung Friedhof, der ganze Weg geschmückt mit Symbolen und noch mehr Fahnen, alles Teil des Geschehens. Und plötzlich, ganz plötzlich, irgendwo zwischen dem Einbiegen auf die geschmückte Hauptstraße und dem Vorbeiziehen an den winkenden Zuschauern vor dem nächsten Pub fiel es mir endlich auf. Eine Sache unterschied mich ganz offensichtlich von den meisten der anderen Teilnehmer und Zuschauer: Ich hatte keine Lilie am Revers!

 Für einen guten Zweck?

Die weiße Osterlilie wurde, in Form von Ansteckern, erstmals zehn Jahre nach dem Osteraufstand von der republikanischen Frauenorganisation Cumann na mBan (übersetzt bedeutet das schlicht ‚Frauenverein‘) vor Kirchen verkauft, wobei die Einnahmen dieser Verkäufe den Angehörigen republikanischer Gefangener zugute kamen. Die Anstecker wurden dann bei republikanischen Veranstaltungen getragen. Heutzutage kann man bei so gut wie jeder republikanischen Organisation um ein paar Euro oder Pfund eine Lilie, meistens in Form eines Metallansteckers, kaufen. Das diametrale politische Gegenteil zur Lilie ist die rote Mohnblume, die im Gedenken an die Gefallenen der britischen Armee getragen wird, und zwar besonders in Bezug auf den Ersten Weltkrieg (ihre Verwendung geht auf das Gedicht In Flanders Fields von John McCrae zurück,[1] besonders rund um den Remembrance Day am 11. November, das Ende der Kriegshandlungen, wie im Waffenstillstand von Compiègne vereinbart).
Die Anstecker werden von invaliden ehemaligen Heeresangehörigen hergestellt und seit 2023 bestehen die Mohnblumen, die von der Royal British Legion verkauft werden, zu 100 Prozent aus Papier. Der Erlös kommt ehemaligen Soldaten und ihren Angehörigen zugute.

IRSP Fahnenträger und Teile der James Connolly Memorial Flute Band  ©Sarah Ritt, 2022

Nun wirkt es von außen, als stehe hinter dem Erwerb und Tragen der beiden Blumen lediglich die Erinnerung an gefallene KämpferInnen und die Absicherung Verwundeter und Hinterbliebener, was einen wichtigen Aspekt außer Acht lässt: Die Markierung der Träger. Das Erinnern an die paramilitärisch organisierten Gruppen, die am Osteraufstand teilnahmen und die die Basis des Selbstverständnisses der modernen IRA bilden – sie sehen sich als die Soldaten des 1916 angedachten irischen Staates, der alle 32 Grafschaften, inklusive des bis heute zur Großbritannien gehörenden Nordirlands, umfassen sollte. Das Tragen der einen Blume kann in der nordirischen Gesellschaft schnell zum identifikatorischen Symbol bei der Hälfte der Bevölkerung werden, während die andere Hälfte eine positive Erinnerung an Angehörige der britischen Streitkräfte nicht gutheißen wird.

No poppies allowed

Britische Streitkräfte sind am Ostermontag im republikanischen Teil Belfasts noch mehr ein Feindbild als während des restlichen Jahres, hier ist man Team Lilie, Team Irland, Team geeinte Republik – das ist  nicht verhandelbar und niemand käme auf die Idee, darüber auch nur in Gedanken eine Debatte anzustoßen. Die Republikaner als solches sind keine geeinte Bewegung, es gibt sie in diversen politischen Ausprägungen, bewaffnet oder nicht, als Teile des demokratischen Prozesses oder ihm komplett verschlossen, eher gesprächs- oder gewaltbereit, der Außenwelt zugewandt oder komplett nach innen gerichtet.

Der Händler meines Vertrauens

Ich war zwar im Besitz eines Lilienansteckers, eines ganz besonderen sogar, er war zum 100-jährigen Jubiläum des Osteraufstands gefertigt worden, aber ich hatte ihn zuhause vergessen – also ziemlich am anderen Ende Europas. Was also tun? Nicht, dass es jemanden interessieren würde, wie gesagt, ich kannte niemanden, aber trotzdem kam es mir falsch vor, die Abwesenheit der Lilie würde mich doch als Außenseiterin outen! Meine Rettung kam in Form eines Herren um die 70, der am Straßenrand hinter einem Tapeziertisch saß und Anstecker verkaufte. „3 Pfund für den Kleinen, 5 für den Großen, Liebes,“ informierte er mich und weil ja ein Feiertag war, kaufte ich ihm einen großen Anstecker ab und platzierte ihn sogleich gut sichtbar an meinem grauen Pullover. „Liebes“ ist in Belfast übrigens eine ganz normale Bezeichnung für Frauen, die jünger sind als man selbst, egal, ob man sie kennt oder nicht. Ich nahm mit einem Satz nach vorne wieder meinen Platz in der Parade ein, umgeben von Familien in Windjacken und jungen Burschen in Nike-Schuhen.

Ich hätte mit dem alten Mann rechnen müssen, sowas gibt es zuhause schließlich auch, nur dass Maiabzeichen immer 2€ kosten – das ist seit der Einführung des Euros vor 24 Jahren eine Art Naturgesetz – und jedes Jahr ein anderes Design aufweist. Dieses Jahr findet sich dort die für die Sozialdemokratie typische Blume, eine rote Nelke. Sehr klassisch. Allerdings wird sie unter dem Jahr nur sehr selten als Anstecker verwendet, sondern ist, ähnlich wie die Mohnblume, eine saisonale Erscheinung. Ganzjährig findet sie sich auf Printprodukten oder in Logos der Bewegung, das wiederum hat die Nelke mit der Osterlilie gemeinsam.

Mein Blümchen und ich machten uns mit dem Rest der Parade, die sich nahtlos in die Reihe der ankommenden Paraden der anderen Organisationen einreihte, auf den Weg bergauf zum Milltown-Friedhof, dem traditionellen Endpunkt republikanischer Paraden. Es macht ja auch Sinn, denn dort sind die gefallenen Kameraden begraben, dort finden Reden und Kranzniederlegungen statt.

Gruppengrabstein  der Worker’s Party (Milltown Cemetery, Belfast)  ©Sarah Ritt, 2022 

Jetzt leg mal das Handy weg!

Ich folgte bis zum Ende und verschwand am Beginn der Reden in die hinteren Reihen des Publikums, was nicht die beste Platzwahl war, um Fotos zu schießen. Als der offizielle Teil beendet war, setzte der klassisch irische Regen ein und ich beschloss, wieder bergab Richtung Innenstadt zu gehen. Wodurch unterscheiden sich meine Beobachtungen nun von vorhergegangenen Beobachtungen? Verglichen mit Neil Jarmans umfassender Beobachtungsstudie lässt sich ein großer Unterschied feststellen: Während Jarman mit seiner Kamera durchaus Aufmerksamkeit auf sich zog und Teilnehmende auf Paraden zum Teil für ihn posierten, ist das in Zeiten von Smartphones, in denen jede/r seine/ihre eigenen Aufnahmen macht, nicht mehr der Fall. Eher muss man sich um einen guten Platz bemühen, um sinnvolle Fotos und Videos zu machen. Die IRSP selbst hatte für die Aufnahme der Grabreden eine Drohne samt Pilot organisiert. Unverändert geblieben waren die verhüllten Paramilitärs, die Überwachung des Geschehens auf der Straße per Helikopter durch die Polizei und die Flankierung der Parade durch Zuschauer mit irischen Fahnen am Straßenrand.

Ist also alles beim Alten geblieben in den letzten 25 Jahren? Nicht ganz, denn trotz ungebrochenem Zulauf haben wir dank Smartphones und vergleichsweise zugänglichem Aufnahmeequipment wesentlich mehr Film-und Bildmaterial von den Veranstaltungen. Ein Blick auf Social Media reicht also aus heute für jene, die nicht mitmarschieren können oder wollen: Ostergedenken in Belfast.

Further Reading

  • Bryan, Dominic, Sean Connolly, and John Nagle. Civic Identity and Public Space : Belfast Since 1780. Manchester: Manchester University Press, 2019.
  • Kirkland, Richard. Identity Parades : Northern Irish Culture and Dissident Subjects. Liverpool : Liverpool University Press, 2002.
  • Viggiani, Elisabetta. Talking Stones : The Politics of Memorialization in Post-Conflict Northern Ireland. New York : Berghahn, 2014.

References

[1] In Flanders Fields via RBL. Royal British Legion (2024). https://www.britishlegion.org.uk/get-involved/remembrance/about-remembrance/in-flanders-field (last accesssed 6 February 2025).
[2] In Nordirland prüft eine eigens eingerichtete, überparteiliche Stelle Demonstrationen und Paraden aller Art, wobei das Ziel ist, die öffentliche Ordnung nicht zu stören: https://www.paradescommission.org (last accessed 6 February 2025).
[3] Jarman, Neil. Material Conflicts : Parades and Visual Displays in Northern Ireland. 1. publ. New York, NY [u.a.]: Berg, 1997.

Author
Sarah Ritt hat ihren MA in Englisch an der Universität Wien erworben. Ihre Abschlussarbeit trägt den Titel „Macht, öffentlicher Raum und das Problem der Wandmalereien in Belfast nach dem Bürgerkrieg“. Derzeit promoviert sie in Public History an der Universität Wien, wo sie zeitgenössische Identitätsbildungspraktiken in Nordirland untersucht und kontextualisiert. Ihre jüngste Veröffentlichung ist Teil des 2021 erschienenen Peter-Lang-Bandes Booze as a Muse: Literary and Cultural Studies of Drink und beschäftigt sich mit dem rituellen Alkoholkonsum des modernistischen Autors Brendan Behan

Erschienen am: 6. Februar 2025

One response to “Ostergedenken in Belfast: Feldnotizen und Blumen”

  1. satisfying! Update: Impact Assessment of [Recent Event] Released 2025 grand

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