Die Katze und des Kaisers Regiment

Was hat eine Katze mit den Regierungsgeschäften eines Kaisers zu tun? Mehr als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten würde. In einer Zeit, in der sich moderne Staatsstrukturen langsam herausbildeten, konnten selbst Katzen auf kaiserliche Weisung von der Straße in den Staatsdienst übernommen werden. Zwischen Krieg und Verwaltung, strategischem Kalkül und pedantischem Formalismus: Der Schreibtisch Franz II. (I.) war der Mikrokosmos einer staatlichen Ordnung. Der folgende Beitrag gewährt einen einzigartigen – mitunter kuriosen – Einblick in die Regierungsrealität eines Herrschers, der auch über Türhüter und Nagetierjäger höchstpersönlich entschied. Wer verstehen will, wie Bürokratie Geschichte schreibt, beginnt hier.

DOI: 10.17613/ymq3q-rty71

Ein unbekannter Monarch

Johann Stephan Decker: Kaiser Franz II. (I.) in seinem Arbeitszimmer nach 1821 © Belvedere Wien

Ein schlichter Schreibtisch im Schweizertrakt der Wiener Hofburg. An ihm sitzt der Kaiser von Österreich im Aktenstudium vertieft. Zur Rechten stehen Tinte und Feder bereit, zur Linken türmen sich Akten; im Hintergrund ist das Ticken der Uhr zu vernehmen. So erscheint der Alltag Franz II. (I.), des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches; des ersten von Österreich. Er regierte lange, seine Regierungspraxis ist aber dennoch weitgehend unerforscht. Schon Walter Ziegler stellte vor über drei Jahrzehnten fest, dass er tatsächlich „zugleich ein bekannter und ein unbekannter Kaiser“ [1] sei.

Von Staatsanleihen bis Katzen

des Kaisers Regiment
Das Protokollbuch der Kabinettskanzlei für die Jahre 1802-1805 © Matthias Widhalm

Um die Regierungstätigkeit Franz II. (I.) zu verstehen, ist es unerlässlich, sich mit den Akten der zentralen Behörden seiner Regierungszeit auseinanderzusetzen. Das bedeutet konkret: Staatsrat, Kabinettskanzlei und ab 1814 die Staatskonferenz. Sachverhalte in allen – auch den unbedeutendsten Angelegenheiten, die den Staat betrafen – wurden dort gesammelt. Anschließend wurden sie dem Monarchen zur Entscheidung vorgelegt; ob es nun um die Ernennung eines neuen Staatskanzlers oder eines Türhüters ging, ob eine große Auslandsanleihe abgeschlossen oder Tische und Sessel für ein Kreisamt in der Bukowina gekauft werden sollten, ob die Heeresstärke festzusetzen oder eine Katze für ein militärisches Vorratsmagazin anzuschaffen war: Stets musste die allerhöchste Willensmeinung eingeholt, die allerhöchste Resolution erbeten werden, um staatliche Handlungen setzen zu dürfen.

Was nun auf den ersten Blick vielleicht langweilig wirkt, war in Wahrheit das Herz eines riesigen Verwaltungsapparats. Infolgedessen erhaschen wir durch diese Protokolle einen unmittelbaren Blick auf den Schreibtisch des Kaisers. Die Berichte der Kabinettskanzlei waren somit wohl der wichtigste Filter, durch den der Kaiser seinen Staat tagtäglich betrachtete.

des Kaisers Regiment
Linke Seite aus einem Protokollbuch der Kabinettskanzlei © Matthias Widhalm

Im Auge des Sturms

Die erste Hälfte der Regierungszeit Franz II. (I.) stand ganz im Zeichen der Napoleonischen Kriege. Von 1792 bis 1815 führte die Habsburgermonarchie nahezu ununterbrochen Kriege. Folglich prägen militärische Überlegungen auch die Akten der Kabinettskanzlei. Sie reichen thematisch von den logistischen Herausforderungen des Nachschubs über die Finanzierung der Armee bis hin zur Prävention von Plünderungen. Der Kaiser dirigierte seine Verwaltung ruhig aber beständig.

Ein markantes Beispiel für diese gefasste Ruhe in außerordentlich stürmischen Zeiten offenbart das Jahr 1805: Am 19. September wendet sich der österreichische Oberste Kanzler, Graf Alois von und zu Ugarte, wegen der Festung Olmütz über die Kabinettskanzlei an den Kaiser. Ein neuer Festungskommandant sei dringend zu bestellen. An den Grenzen des Reiches zeichneten sich bereits erste französische Truppenbewegungen ab. Der Geruch des Krieges lag deutlich in der Luft. Eine schnelle Entscheidung schien geboten, um die Landesverteidigung zu gewährleisten. Doch des Kaisers Antwort auf das Gesuch am Folgetag fällt anders aus als erwartet: Es kommt keineswegs zum erhofften Beschluss. Der Kaiser ernennt keinen neuen Kommandanten. Seine Antwort lautet trocken: „Art. 1. scheint ein Schreibfehler vorgegangen zu sein.“ 

Das Gesuch wird wegen eines formalen Mangels zurückgewiesen. Auch beim erneuten Einreichen – wenig später – liegt wieder ein Fehler vor. Abermals wird es abgewiesen. Erst beim dritten Anlauf liegt ein formal korrekter Eingang vor. Der Kaiser entscheidet. Was heute kleinlich anmutet, war für Franz ein Ausdruck seiner Pflichtauffassung: Form und Ordnung waren ihm wichtiger als Tempo und Effizienz. Er verstand sich als ‘ersten Beamten’ der Habsburgermonarchie. Daher galt der Vollzug formaler Kriterien für ihn stets absolut.

Des Kaisers Regiment

Der Blick auf die Arbeitsweise des Kaisers zeigt ein deutliches Muster: Franz studierte seine Akten gründlich. Er entschied nur wenig umgehend. Zumeist delegierte er in einem ersten Schritt Sachverhalte mit dem Wunsch nach weitreichenden Überprüfungen und Gutachten an weitere Behörden. Es erfolgte selten eine Entscheidung im klassischen Sinne. Stattdessen wurde ein eingespielter bürokratischer Kreislauf angestoßen. Erst nach erneuter Begutachtung der zusätzlichen Informationen kommt es in den meisten Fällen zum Ergebnis.

Rechte Seite aus einem Protokollbuch der Kabinettskanzlei © Matthias Widhalm

Dieser Regierungsstil führte notwendigerweise zur verzögerten Staatsführung und ist Ursprung des gängigen Klischees des Reformstaus der Restauration. Zwischen den Jahren 1802 und 1803 wurden übergreifend 43 Prozent aller eingereichten Akten mindestens einmal weiterdelegiert, ehe sie vom Kaiser entschieden wurden. Nur 26 Prozent wurden umgehend positiv beschieden: Das in der Geschichtsschreibung geschaffene Bild des absoluten Monarchen wird hiermit konterkariert.

Doch es entstand zugleich das ebenso gängige Trugbild des politisch weitgehend desinteressierten Biedermeiers. Das betraf auch Kaiser Franz, der die politischen Agenden vornehmlich an seine Staatskanzler abgetreten habe. Doch das Delegieren war für ihn keinesfalls eine Flucht aus der staatspolitischen Verantwortung. Er nutzte es vielmehr gezielt als Regierungsmechanismus, der es ihm erlaubte, Behörden und Minister gegeneinander auszuspielen. Indem er möglichst viele Meinungen einholte, verteilte er die augenscheinlichen Möglichkeiten, an der kaiserlichen Entscheidungsfindung mitzuwirken. Er hatte somit keinen dezidierten Favoriten. Die alte römische Devise divide et impera (teile und herrsche), schuf ihm vielmehr letztlich sogar mehr Handlungsspielraum.

Einer für alle

Es zeigt sich, dass die staatliche Verwaltung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts letztlich auf die Person des Kaisers zugeschnitten war; ein System, das im 18. Jahrhundert noch nahezu reibungslos funktioniert hatte. Doch mit der Ausweitung staatlicher Aufgaben in der Ära des aufgeklärten Absolutismus nahm die Zahl an Akten und Beamten stetig zu. Das Arbeitspensum des Kaisers stieg. Eine Einzelperson konnte es nicht länger stemmen. Hier kommt es allerdings zum entscheidenden Konflikt: Franz war noch in den Idealvorstellungen dieses aufgeklärten Absolutismus’ erzogen worden. Daraus resultierte mitunter sein späterer grundsätzlicher Widerwille, politische und bürokratische Entscheidungskompetenzen abzutreten.

Kommen wir endlich zur Katze

Und was war nun mit der Katze? Der titelgebende Fall ist auch eine amüsante Episode jener Zeit. Ein Kavallerieregiment in Galizien wollte mit einer Katze seine Vorräte vor Schädlingen schützen. Die Katze trat mit ihrem Erwerb formal in den Staatsdienst ein. Damit einhergehend konnte sie lediglich mit kaiserlicher Genehmigung ‘angestellt’ werden. In Wien fielen sowohl die großen als auch die kleinen Entscheidungen. Weder das Regimentskommando noch das Generalgouvernement von Galizien waren mit staatlichen Letztentscheidungen zu betrauen. Seinem Amtsverständnis entsprechend, konnte auch in diesem Fall ausschließlich der Kaiser Beschlüsse fassen.

Dennoch war sich Franz bewusst, dass ihn die Aktenflut übermannte. Seine Bemühungen zu behördlichen Reformen zwischen 1802 und 1835 bezeugen das. Sie scheiterten allerdings stets an seinem eigenen Rollenverständnis, das keine Kompromisse zuließ. Die Nachteile dieses Systems zeigten sich etwa im Jahr 1826: Der Kaiser war mehrere Wochen durch ein schweres Lungenleiden in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Ohne ihn konnten aber keine Letztentscheidungen erfolgen. Das ‘System Franz’ war nahezu vollständig gelähmt.

Ein aufgeklärter ‘Biedermeier-Kaiser’?

Oft wird Franz II. (I.) als unpolitischer Verwalter seines Reiches dargestellt; ein grauer Bürokrat in einer Zeit des lähmenden Stillstands. Der Blick in die Protokollbücher zeichnet aber ein differenzierteres Bild: Er war ein Monarch mit einem System, festen Prinzipien und einem klaren Verwaltungs- und Aufgabenverständnis. Er war weder Visionär noch Reformer, aber auch nicht ein politisch Desinteressierter.

Der Kaiser erledigte seine Akten genauestens und rasch. Nicht selten beugatachtete er sie noch am Tag des Einlangens. Sein Hang, umfassende Berichte vor einer Letztentscheidung einzuholen, erzeugte allerdings den fatalen Eindruck der politischen Handlungsunfähigkeit. Das gängige Bild Franz II. (I.) bestätigt sich vor dem Hintergrund der Aktenlage nicht. In einer Zeit der Umbrüche konzentrierte sich der Kaiser umso stärker auf drei Regierungsprinzipien: Ordnung, Kontrolle und Form. Auch wenn dies mitunter bedeutete, selbst über Katzen im Staatsdienst höchstpersönlich entscheiden zu müssen, war er doch ein überaus fachkundiger und interessierter Herrscher.

Weiterführende Literatur

  • Rumpler, H. (1997). Eine Chance für Mitteleuropa: Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der Habsburgermonarchie. Ueberreuter.
  • Siemann, W. (2016). Metternich: Stratege und Visionär. C. H. Beck.
  • Ziegler, W. (1993). Kaiser Franz II. (I.). Person und Wirkung. In. Brauneder, W. (Hg.). Heiliges Römisches Reich und moderne Staatlichkeit. (S. 9–27). Peter Lang.

Fußnoten

[1] Ziegler (1993), S. 9.


Zur Person

Matthias Widhalm, BA BA BEd MA MEd studierte Geschichte, Deutsche Philologie sowie Lehramt (Deutsch / Geschichte). Derzeit studiert er im Doktorat Geschichte an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die österreichische sowie französische Geschichte der Neuzeit sowie die politische Ideen-, Literatur- und Kulturgeschichte vom 17. bis ins 20. Jahrhundert.


Bildnachweis Titelbild: Eine Collage aus: Peter Krafft: Kaiser Franz I. von Österreich um 1825 © Belvedere Wien und Frances Simpson: The Book of the Cat (1903). © Matthias Widhalm

Posted on July 9, 2025 (c) the Author & Public History Studies in Vienna.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Seminars der Doctoral School der Historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien entstanden.

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