von Fabiola Heynen
Muskulöse Körper junger Männer, die in der Sonne glänzen … Das war ein Anblick der ganz alltäglich zur griechischen Antike gehörte. Ob beim Training im antiken Gymnasion oder beim Wettkampf im Stadion, die griechischen Athleten waren nackt. Vor den sportlichen Aktivitäten rieben sie sich mit Öl ein. Das machte die Sportler beim Ringen glitschiger, gleichzeitig glänzten die nackten Körper der jungen Männer ästhetisch in der Sonne.
Dabei handelt es sich um eine Praxis, die aus dem antiken Griechenland und dem gymnastischen Leben der Athleten nicht wegzudenken ist, aber von so manchem antiken Zeitgenossen durchaus spöttisch beobachtet wurde. In einer fiktiven Unterhaltung über den Sinn und Unsinn der griechischen Athletik lässt der Satiriker Lukian im 2. Jahrhundert n. Chr. den sagenumwobenen Skythen Anarchasis, einen Weisen dieses Reiternomadenvolkes, wie folgt zu Wort kommen:
„καὶ οὐδὲ τοῦ ἐλαίου ἕνεκα φείδονται μὴ μολύνεσθαι, ἀλλ᾿ ἀφανίσαντες τὸ χρῖσμα καὶ τοῦ βορβόρου ἀναπλησθέντες ἐν ἱδρῶτι ἅμα πολλῷ γέλωτα ἐμοὶ γοῦν παρέχουσιν ὥσπερ αἱ ἐγχέλυες ἐκ τῶν χειρῶν διολισθαίνοντες.“ (Lukian von Samosata, Anacharsis 1)
„[Die Athleten] vermeiden es nicht sich schmutzig zu machen, reiben sich mit Schlamm ein, gemischt mit Schweißströmen und machen sich meiner Meinung nach zum Gespött, indem sie einander wie Aale durch die Hände gleiten.“ (eigene Übersetzung, vereinfacht)
Insgesamt darf man sich die athletische Betätigung also nicht nur kraftvoll, sondern auch als glitschige und schmutzige Angelegenheit vorstellen. Nach dem energiegeladenen Wettstreit blieb der nackte Körper des Athleten mit einer Mischung aus Öl, Schweiß und Sand bedeckt. Der ein oder andere junge Mann mag gar wie ein frisch paniertes Schnitzel ausgesehen haben!
Die Strigilis als Gerät der Körperreinigung
Hier kommt ein Gerät ins Spiel, was wir aus der Antike vielfach überliefert haben: Die Strigilis. Mit diesem gebogenen Werkzeug meist aus Bronze oder Eisen konnten die unterschiedlichsten Bereiche des Körpers abgeschabt und gereinigt werden, was aus zahlreichen visuellen Quellen belegt ist.

(links: moderne Rekonstruktion; rechts: Darstellung auf Halsamphora, Ende 6. Jh. v. Chr., Kunsthistorisches Museum Wien)
Aber wohin mit dem Dreck, der da vom Körper abgeschabt wurde und sich in der Strigilis sammelte?
Laut antiken Schriftquellen konnte das Gemisch aus Öl, Schweiß und Sand, genannt γλοιός oder στλεγγίσματα, zu medizinischen Zwecken genutzt werden1 oder auch wiederverkauft werden2.
Der Strigilis-Dreck als Hunde-Leckerli
In der antiken Vasenmalerei deutet sich eine weitere Nutzungsmöglichkeit an, die wir auf einer Weinkanne in der Antikensammlung in München nachvollziehen können:

(Weinkanne, um 480 v. Chr., München Antikensammlung 2453)
Auf der Vase, die um 480 v. Chr. datiert wird, sind zwei Jünglinge abgebildet. Einer von ihnen ist nackt und hält in seiner Hand eine Strigilis, weshalb es sich der Bildsprache nach wohl um einen Athleten handelt. Seine freie Hand streckt er in Richtung Boden, wo der Vasenmaler einen kleinen Hund mit spitzer Schnauze sorgfältig abgebildet hat. Der Vierbeiner springt freudig nach oben und reckt seine Schnauze in Richtung des Athleten. So sieht es aus, als ob das Gemisch der Strigilis-Reste für Hunde einen besonderen Reiz hatte und als Belohnung oder Leckerli diente.
Die Strigilis in der griechischen Bilderwelt
Aus Schriftquellen ist die Nutzung des γλοιός als Hunde-Leckerli nicht bekannt und auch in der visuellen Kultur ist das Phänomen selten. Stattdessen finden wir die Sportgeräte beispielsweise in der Vasenmalerei häufig in ihrer konkreten Nutzung bei Athletendarstellungen gezeigt.
Darüberhinaus taucht die Strigilis oft als Ortsmarkierer im Hintergrund von Vasenbildern auf. Hier ist sie meist aufgehängt zu erkennen, gemeinsam mit einem Schwamm und einem Ölfläschchen, dem Aryballos. Dieses sogenannte Palästra-Set kann anzeigen, dass die Darstellung auf der Vase in der Palästra oder dem Gymnasion situiert ist, dort wo die antiken Griechen Sport trieben.

(Lekythos, 470–460 v. Chr., Museo Archeologico Regionale Antonio Salinas)
Die Strigilis in meiner Dissertation
Festhalten können wir an dieser Stelle bereits, dass die Strigilis in ganz unterschiedlichen Bildszenen aus der Antike zu finden ist. Noch in vielen mehr, als den bereits genannten! Anknüpfend daran möchte ich in meinem Dissertationsprojekt am Institut für Klassische Archäologie in Wien untersuchen in welche unterschiedlichen Sphären die Strigilis und Sportgeräte allgemein in der Antike eindrangen: In der materiellen Kultur, aber auch der griechischen Bilderwelt.
Sportgeräte in den antiken Bildquellen
Die griechische Antike ist auf besondere Weise von ihrem Bilderreichtum geprägt und so finden sich die antiken Zeitgenossen auch in der visuellen Kultur im öffentlichen wie privaten Raum mit Sportgeräten konfrontiert. Um deren Funktion, Einsatz und Aussage zu verstehen, lassen sich verschiedene Fragen stellen: Welche Funktion spielen die Sportgeräte in den unterschiedlichen Darstellungen? Sind sie zentral für das Verständnis des Bildes oder nur illustrierendes Beiwerk? Welche gattungsspezifischen und chronologischen Beobachtungen lassen sich ausmachen?
Beschränken sich die Forschungsarbeiten zu Bilddokumenten der antiken Sportgeschichte Griechenlands bisher entweder auf gattungsspezifische Untersuchungen, beispielsweise der attischen Vasenmalerei, oder Einzelstudien einzelner Objekte, insbesondere der Großplastik, oder fokussieren auf übergreifenden Themen wie Nacktheit oder speziellen Disziplinen, standen die eigentlichen Sportgeräte bisher nicht im Vordergrund.
Noch stehe ich ganz am Anfang meiner Dissertation und beginne mit einer umfassendem Materialsammlung von Darstellungen von Sportgeräten in der visuellen Kultur der Antike. Ein Beispiel dafür ist unser Vierbeiner auf der Weinkanne aus der Antikensammlung in München, der nach dem Leckerli aus der Strigilis lechzt: Die Darstellung geht über den rein athletischen Kontext hinaus und gibt uns einen Einblick in die alltägliche Lebenswelt der antiken Zeitgenossen. Eine unterhaltsame Szene, die wir so nur aus den antiken Bildquellen überliefert haben und die uns zeigt, wie ein bisschen Athletenschweiß, gemischt mit Sand und Öl als Leckerli für Hunde weiterverwendet werden konnte.

Wenn sie mal nicht für ihre Arbeit über Sportgeräte forscht, widmet sie sich der Wissensvermittlung der Antike und hat dafür ihren eigenen Podcast: „Ausgesprochen Alt. Der Antike Podcast“.
Auswahl weiterführender Literatur
Zur Nutzung von Öl beim Sport:
- C. Ulf, Die Einreibung der griechischen Athleten mit Oel. Zweck und Ursprung, Stadion 5, 2, 1979, 220–238.
- N. Kennell, Most Necessary for the Bodies of Men. Olive Oil and its By-products in the Later Greek Gymnasium, in: M. Joyal (Hrsg.), Seventy-Five Years of Classical Studies in Newfoundland (St. John’s, Neufundland 2001) 119–133.
Zur Strigilis und ihrer Darstellung:
- E. Kotera-Feyer, Die Strigilis, Europäische Hochschulschriften 43 (Frankfurt am Main 1993).
- E. Kotera-Feyer, Die Strigilis in der attisch-rotfigurigen Vasenmalerei. Bildformeln und ihre Deutung, Nikephoros 11, 1998, 107–136.
- B. Kratzmüller – R. Lindner – N. Sojc, Die Strigilis im antiken Athen. Ein Gerät der Reinigung als geschlechtsspezifisches Symbol und als ein Zeichen im religiösen Symbolsystem, in: B. Heininger (Hrsg.), Geschlechterdifferenz in religiösen Symbolsystemen (Münster 2003) 91–134.
Verwendete Bildquellen
- Wettläufer, Panathenäische Preisamphore des Euphiletos-Malers, um 530 v. Chr., Metropolitan Museum of Art 14.130.12 (© Metropolitan Museum of Art. CC0 1.0)
- Athlet mit Strigilis, Halsamphora, Ende 6. Jh. v. Chr., Kunsthistorisches Museum Wien Antikensammlung, IV 3723 (© KHM-Museumsverband. CC BY-NC-SA 4.0)
- Zwei Jünglinge, einer mit Strigilis und ein Hund, Weinkanne, um 480 v. Chr., München Antikensammlung 2453 (© Staatliche Antikensammlung München. Renate Kühling)
- Weitspringer mit Palästra-Set im Hintergrund, Lekythos, 470–460 v. Chr., Museo Archeologico Regionale Antonio Salinas NI 2135 (V.689) (© Marie-Lan Nguyen. CC BY 2.5)
- Moderne Rekonstruktion der Strigilisnutzung (© Landesbildungsserver Baden-Württemberg. CC BY 4.0 International)
Fußnoten
1 Aulus Cornelius Celsus, de medicina 2,6,12; Ebd. 5,22,4; Plinius der Ältere, naturalis historia 20,17; 28,51.
2 Plinius der Ältere, naturalis historia 15,19.


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