von Fabiola Heynen
Heutzutage dienen einem romantischen Verehrer Blumenstrauß, Pralinen oder vielleicht ein romantisches Abendessen als Hilfsmittel, um die Gunst eines erhofften Liebhabers zu erlangen. In der Antike sah das anders aus: Neben tierischen Werbegeschenken wie Hasen oder Hähnen, nutzten Männer auch die sogenannte Strigilis als Werbegeschenk.

Abgebildet finden wir solche Werbeszenen auf zahlreichen Beispielen aus der antiken attischen Vasenmalerei, wie auf diesem Skyphos aus dem 5. Jh. v. Chr. Der links abgebildete ältere Mann mit Bart versucht mit einem gebogenen Gegenstand in seiner Hand die Aufmerksamkeit des jüngeren Mannes rechts zu erhaschen. Bei dem Objekt handelt es sich um jene Strigilis, ein gebogenes Schabeisen, was in der Antike zur Körperreinigung genutzt wurde und hier als erotisches Werbegeschenk umfunktioniert wurde. Dargestellt ist ein homoerotisches Kennenlernen der beiden Männer, eine Szene der antiken Päderastie, einer institutionalisierten Form von Homosexualität im antiken Griechenland.
Ziel der Päderastie: „den Jüngling weise und gut zu machen“
Die Päderastie war ein Phänomen der griechischen Gesellschaft, bei dem eine Beziehung zwischen einem älteren Mann (erastes) und einem jüngeren Mann (eromenos) auf pädagogischer und sexueller Ebene bestand. Die älteren Männer übernahmen dabei die Rolle der Mentoren und führten die Jüngeren in die Bürgergemeinschaft ein.
Diesen Fokus auf die Vermittlung von Tugenden legt auch der Philosoph Platon wenn er die Aufgaben des älteren Mannes in der päderastischen Beziehung beschreibt:
„[…] den Jüngling weise und gut zu machen, in Vernunft und der übrigen Tugend zu fördern, Bildung und die übrige Weisheit zu vermitteln“
Platon, Symposion 184b. (Übersetzung Reinsberg 1989, 171, vereinfacht)
Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass es sich bei der Beschreibung um Platons idealisierte Vision handelt. Neben der pädagogischen Komponente existierte auch eine sexuelle Ebene in der Päderastie, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein konnte.
Auch auf Vasendarstellungen finden sich solche homoerotischen Interaktionen sexueller Natur. Veraltet wird die Päderastie daher auch als „Knabenliebe“ bezeichnet, was das Phänomen jedoch zu sehr verklärt. Es bestand oft ein erheblicher Altersunterschied zwischen dem Erastes und dem Eromenos, weshalb aus moderner Perspektive auf das Machtgefälle zwischen beiden hingewiesen werden muss. Der jüngere Beziehungspartner, der Eromenos war durchschnittlich zwischen 12 und 18 Jahren alt. Im Vergleich dazu gibt es für den älteren Beziehungspartner, den sogenannten Erastes, keine festen Altersgrenzen.

Wo lernen sich Mann und Jüngling kennen?
Hier kommen die antiken Gymnasien ins Spiel. Das Gymnasion war der zentrale Ort für sportliche Aktivitäten und soziale Interaktionen. Dort trafen sich junge Männer, um ihre nackten Körper zu trainieren und sich im Wettkampf zu messen. Zugleich war es der Ort, um aufmerksamkeitsheischende ältere Herren für eine päderastische Beziehung zu treffen.
Besonders im 6.–4. Jh. v. Chr. finden sich auf attischen Vasenmalereien zahlreiche solche Kennenlernszenen, die einen Einblick in das Werbeverhalten der Männer geben. In der Realität baten die Männer manchmal Geld an, dieses anzunehmen galt jedoch für die Jugendlichen als unehrenhaft. Stattdessen sind die älteren Männer oft mit einem kleinen Geschenk in der Hand dargestellt. Häufig sind das tierische Geschenke wie Hase oder Hahn, es gibt auch Beispiele mit Männern mit Musikinstrumenten oder Kränzen in der Hand oder eben mit jenem Gegenstand, der Teil meiner Dissertation ist: Die Strigilis.

Was bedeuten die unterschiedlichen Werbegeschenke?
Die Bewertung der Werbegeschenke wird in der Forschung durchaus kontrovers diskutiert: Einige Forscher*innen erkennen in den Geschenken die zu vermittelnden Tugenden, wie Musikinstrumente als Verweis auf die musische Erziehung oder Hasen und Hähne als Symbole für die Jagd (z.B. G. Koch-Harnack)1. Forscher wie A. Lear verweisen hingegen auf die Vielfalt der abgebildeten Werbegeschenke, wovon für einige der pädagogische Kontext nachvollziehbar wäre, für andere hingegen nicht2. Deshalb plädiert er dafür, in den Vasendarstellungen keine Unterschiede zwischen diesen Kategorien der Werbegeschenke zu machen.
Ist die Strigilis ein Werbegeschenk von Athleten?
Wie lässt sich die Strigilis als Werbegeschenk in diese Diskussion einbetten? Die Strigilis lässt sich im weiteren Sinne als Sportgerät klassifizieren und ist deshalb Teil meiner Dissertation über Sportgeräte. Anders als Diskoi beim Diskurswurf oder Sprunggewichte beim Weitsprung, kommt die Strigilis zwar nicht direkt beim athletischen Wettkampf zum Einsatz, dient den Athleten jedoch zur anschließenden Körperreinigung und ist eng mit dem Ort des antiken Gymnasions verknüpft. Ist sie daher auf Vasendarstellungen als Werbegeschenk athletischer Natur zu verstehen oder geht ihre Bedeutung darüberhinaus? Es ist anzunehmen, dass die Strigilis in ein komplexes Symbolsystem eingebettet ist und über die Zeit zum Symbol des griechischen Bürgers wird — so findet sie sich beispielsweise ausdrucksstark in der Hand von Verstorbenen auf Grabreliefs wieder3. Wann findet dieser Bedeutungswandel vom rein athletischen Gegenstand zum Symbol für den griechischen Bürger statt?
Dazu sammle ich in meiner Dissertation Darstellungen von Strigiles in der visuellen Kultur. Auf Vasendarstellungen finden wir die Strigilis zum Beispiel in der Hand von Athleten bei der Körperreinigung, aber auch in Alltagsszenen wie dem Füttern eines Hundes mit „Strigilis-Dreck“.
Diskussion der Bedeutung der Strigilis
Um die Strigilis in der Hand des Erastes in den erwähnten päderastischen Werbeszenen zu deuten, eröffnen sich mehrere Fragen. Wie häufig wird sie im Vergleich zu anderen Werbegeschenken abgebildet? Neben solchen statistischen Vergleichen, möchte ich insbesondere den inhaltliche Kontext der Darstellungen diskutieren. In welchen Szenen tritt die Strigilis als Werbegeschenk auf, welche Themen und Motive finden sich gemeinsam dargestellt? Lassen sich chronologische Auffälligkeiten bemerken, wann ist die Strigilis als Werbegeschenk auf Vasen besonders beliebt? Unterscheidet oder gleicht sich dies mit anderen abgebildeten Werbegeschenken?
Dies möchte ich in eine weiterführende chronologische Diskussion einbetten, in dem ich die Frage stelle, wann Strigiles in der visuellen Kultur allgemein, also auch in anderen Szenen und anderen Bildgattungen auftreten und inwiefern sich Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zum Auftreten als materielle Zeugnisse der Strigiles im archäologischen Befund ziehen lassen.
Noch stehe ich ganz am Anfang meiner Dissertation am Institut für Klassische Archäologie in Wien. Mich interessiert bei meiner Arbeit besonders, wann, wo und in welchem Zusammenhang Sportgeräte außerhalb ihres ursprünglichen Nutzungskontextes auftreten. Dafür untersuche ich neben Beispielen aus der visuellen Kultur auch materiellen Hinterlassenschaften von Sportgeräten. Deshalb widme ich mich in einem weiteren Blogartikel Sportgeräten, die als Weihgeschenke für Gottheiten dienten.

Wenn sie mal nicht für ihre Arbeit über Sportgeräte forscht, widmet sie sich der Wissensvermittlung der Antike und hat dafür ihren eigenen Podcast: „Ausgesprochen Alt. Der Antike Podcast“.
Auswahl weiterführender Literatur:
Zur Päderastie:
- G. Koch-Harnack, Knabenliebe und Tiergeschenke. Ihre Bedeutung im päderastischen Erziehungssystem Athens (Berlin 1983).
- A. Lear, Ancient Pederasty, in: T. K. Hubbard (Hrsg.), A Companion to Greek and Roman Sexualities (Hoboken 2014) 102-127 <https://doi.org/10.1002/9781118610657.ch7>.
- A. Lear — E. Cantarella, Images of Ancient Greek Pederasty. Boys were their Gods (London 2008).
- C. Reinsberg, Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland (München 1989).
Zur Strigilis in der Vasenmalerei:
- E. Kotera-Feyer, Die Strigilis in der attisch-rotfigurigen Vasenmalerei. Bildformeln und ihre Deutung, Nikephoros 11, 1998, 107–136.
- B. Kratzmüller – R. Lindner – N. Sojc, Die Strigilis im antiken Athen. Ein Gerät der Reinigung als geschlechtsspezifisches Symbol und als ein Zeichen im religiösen Symbolsystem, in: B. Heininger (Hrsg.), Geschlechterdifferenz in religiösen Symbolsystemen (Münster 2003) 103—108.
Verwendete Bildquellen:
- Älterer Mann wirbt mit einer Strigilis in der Hand um die Aufmerksamkeit eines Jünglings, Skyphos, 475–425 v. Chr., Berkeley, Phoebe Apperson Hearst Museum of Anthropology: 8-4581 (© Phoebe A. Hearst Museum of Anthropology. CC BY-NC-SA 4.0)
- Bronzene Strigilis, römisch, 1. Jh. n. Chr., Baltimore Walters Art Museum Nr. 54.1926 (© Walters Art Museum Public Domain)
- Päderastische Szene in der Palästra, Tondo, 480–470 v. Chr., Oxford, Ashmolean Museum Nr. 1967.304 (© Beazley, Vase-Painters. Public Domain)
- Ältere Männer benutzen Hase und Hahn als Werbegeschenke, um die Gunst der Jünglinge zu erlangen, Trinkschale, 500-450 v. Chr., München Antikensammlungen 2655 (© ArchaiOptix. CC BY-SA 4.0)
Fußnoten
1 G. Koch-Harnack, Knabenliebe und Tiergeschenke. Ihre Bedeutung im päderastischen Erziehungssystem Athens (Berlin 1983) 90–97.
2 A. Lear — E. Cantarella, Images of Ancient Greek Pederasty. Boys were their Gods (London 2008) 72–89; A. Lear, Ancient Pederasty, in: T. K. Hubbard (Hrsg.), A Companion to Greek and Roman Sexualities (Hoboken 2014) 111–113.
3 Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Grabsstele des Eupheros im Friedhof im Kerameikos in Athen (420–410 v. Chr.). Der bartlose Jüngling Eupheros hält eine Strigilis in der Hand. Siehe dazu mit Abbildung in der Objektdatenbank des Deutschen Archäologischen Instituts Arachne: arachne.dainst.org/entity/1426071.


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