Terra Sigillata. Wenn Scherben erzählen

Zerbrochen und verschüttet – und doch enthüllt ein fragmentiertes Terra Sigillata Gefäß seine Geschichte. Der ‘Töpferstempel’ AVGVSTALIS.FEC verrät, dass das Gefäß im 2. Jahrhundert n. Chr. von einem bedeutenden Produktionszentrum seinen Weg über Rhein und Donau bis in die Provinz Pannonien fand. Digitale Datenbanken ermöglichen heute eine präzise Nachverfolgung dieser Fernhandelsrouten – so beginnen die Scherben zu erzählen.

DOI: 10.17613/d99zn-fq575

Mehr als nur Geschirr

Terra Sigillata (TS) gehört zu den bedeutendsten Keramikgattungen der Provinzialrömischen Archäologie. Ursprünglich als Massenprodukt hergestellt, findet sich diese heute nahezu auf allen römerzeitlichen Fundplätzen – von Spanien über Nordafrika und die Levante bis nach Großbritannien. Sie stellt keine Luxusware dar, sondern war standardisiertes Alltagsgeschirr der Mittelklasse.

Form, Dekor und Herstellungsweise folgen chronologischen und regionalen Mustern, wodurch Terra Sigillata eine wertvolle Grundlage zur Datierung archäologischer Kontexte darstellt. Die charakteristisch rot-glänzende Oberfläche entstand durch einen speziellen Überzug (Engobe) und oxidierenden Brand in Muffelöfen bei Temperaturen von etwa 850 bis 1050°C. Diese Technik ermöglichte eine qualitativ hochwertige Serienproduktion in hohem Maßstab, wodurch erstmals hohe Standardisierung und millionenfache Produktzahlen erreicht wurden.[1]

Die weite Verbreitung von Terra Sigillata zeugt zudem von einer effizienten Logistik: Beginnend bei der Produktion in spezialisierten Töpfereizentren, über den Weitertransport am Land- und Wasserweg, bis hin zur Verteilung durch regionale Händler an die Verbraucher. Für alle Stufen dieser Produktions- und Vertriebskette liegen archäologische Nachweise vor. Besonders aussagekräftig für deren Rekonstruktion sind Fundkomplexe mit ungenutztem Geschirr (sogenannte pre-consumption deposits), wie etwa Händlerlager.[2]

Warum Terra Sigillata wichtig ist

Fotos eines Terra Sigillata Gefäßes auf der Ausgrabung und der lesbare Stempel nach der Restaurierung
Abb. 2: Ein Terra Sigillata-Teller in Fundlage und nach der Restaurierung, ©ÖAI/ÖAW.

Abbildung 2 zeigt einen gestempelten Terra Sigillata-Teller, wie er gefunden worden ist: Dieses ursprünglich fragmentierte Gefäß wurde 1989 bei den Ausgrabungen im Vorfeld des Auxiliarkastells in Petronell-Carnuntum entdeckt. Nach sorgfältiger Restaurierung konnte der gut erhaltene Töpferstempel identifiziert werden, der wesentlich für eine weiterführende Analyse von Herkunft und zeitlicher Zuordnung ist.

Der dargestellte Teller ist dabei nur ein Beispiel unter den Funden gestempelter Terra Sigillata aus diesem Kastell. Im Rahmen meiner Dissertation zur Entwicklung pannonischer Auxiliarkastelle im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. am Beispiel des Reiterlagers von Carnuntum kommt diesen Funden eine zentrale Bedeutung zu. Lassen sich diese einzelnen Schichten oder Befunden zuweisen, können präzise Aussagen zur Zeitstellung und Entwicklung dieser Militärlager getroffen werden. Dazu ist es erforderlich, sowohl die Phasenabfolge des Kastells als auch das Fundmaterial innerhalb der einzelnen Schichten zu analysieren. Neben den Fundmünzen weist die Terra Sigillata die höchste Aussagekraft auf.

Ein effizienter Arbeitsprozess und eine schnelle Analyse dieser Keramikgattung sind daher unerlässlich. Die LEIZA Samian Research Database ermöglicht eine zeitsparende Auswertung der Töpferstempel und unterstützt somit die präzise Rekonstruktion der archäologischen Kontexte.

AVGVSTALIS.FEC – Ein Markenname?

Vom Stempel zum Exportvolumen des Töpfers Augustalis ii aus Rheinzabern. Terra Sigillata
Abb. 3: Analyse des Stempels AVGVSTALIS.FEC und Darstellung des Exportvolumens von Augustalis ii inklusive Fundort Carnuntum (Stern), ©ÖAI/ÖAW, LEIZA Samian Research Database.

Töpferstempel wie AVGVSTALIS.FEC [„Augustalis hat (ihn) gemacht“] aus Carnuntum wurden bei ‘glatter’ Terra Sigillata, die ohne Formschüsseln (Modeln) hergestellt wurde, meist innen am Gefäßboden angebracht (Abb. 3). Bei Reliefware, die mithilfe dekorierter Model produziert wurde, sind diese Stempel häufig in den Dekor integriert.

Ob als Markenzeichen, Qualitätsmerkmal oder Werkstattnachweis – diese Stempel liefern wertvolle wissenschaftliche Informationen. Gestempelte Scherben geben Aufschluss über Herkunft, Datierung und Handelswege. Obwohl die Bedeutung der Stempel nicht eindeutig geklärt ist, lassen sie sich am besten mit antiken Herstellermarken vergleichen.[3] Die Datierung der Gefäße mit Töpferstempeln basiert maßgeblich auf dem Vergleich mit Funden von sogenannten dated sites; Fundorten, die durch Schriftquellen, archäologische Befunde oder naturwissenschaftliche Methoden wie Dendrochronologie absolut datiert sind. Durch den Abgleich mit diesen Referenzfundorten lässt sich eine relative Chronologie einzelner Töpfer und Werkstätten erarbeiten.

Die Häufigkeit einzelner Stempel am Produktionsort sowie an verschiedenen Fundorten ermöglicht Rückschlüsse auf Produktionsumfänge und Handelsintensität. Dies liefert wichtige Hinweise zur Rekonstruktion von Handelsnetzwerken innerhalb des Imperium Romanum. Solche Erkenntnisse lassen sich heute mit anderen Quellen wie Inschriften, Münzen oder Militärdiplomen verknüpfen und eröffnen neue Perspektiven auf Mobilität, Migration und Marktmechanismen im Römischen Reich.

Von Ton zu Tagging

Transportroute von Terra Sigillata aus Rheinzabern in Deutschland nach Petronell-Carnuntum in Österreich
Abb. 4: Transportweg und -kosten vom Produktionszentrum Rheinzabern/Germania superior nach Petronell-Carnuntum/Pannonien, ©LEIZA Samian Research Database.

Basierend auf Hartley et al. 20082012 macht die LEIZA Samian Research Database unter anderem Töpferstempel digital nachschlagbar.[4] Wenn der Stempel wie im Fall des Tellers aus Carnuntum gut lesbar ist, kann dieser mit Hilfe der Datenbank in wenigen Minuten ausgewertet werden.

Der Stempel AVGVSTALIS.FEC lässt sich eindeutig dem Töpfereizentrum Rheinzabern in Germania superior zuordnen – einem Standort, der aufgrund seiner Lage an antiken Verkehrswegen und dem Zugang zu hochwertigen Tonvorkommen von großer Bedeutung war.[5] Abbildung 4 zeigt den Transportweg sowie die vermuteten Kosten vom Produktionsort Rheinzabern bis nach Petronell-Carnuntum in der Provinz Pannonien. Von dort gelangte das Gefäß ins Vorfeld des Auxiliarkastells von Carnuntum – ein anschaulicher Beleg römischer Fernhandelsrouten im 2. Jahrhundert n. Chr.

Was ist über den Töpfer Augustalis ii bekannt? Vermutlich war er Teil einer größeren Werkstatt: Seine Tätigkeit begann wahrscheinlich in Ittenweiler im Elsass, bevor er endgültig im Produktionszentrum Rheinzabern arbeitete. Dort fertigte er dieses Gefäß zwischen 160 und 200 n. Chr. an. Seine Produkte wurden vorwiegend entlang des Limes verteilt (Abb. 3) – ein frühes Zeugnis spezialisierter Handwerks- und Verteilungssysteme im Römischen Reich.

Augustalis und Co. leben in der Cloud

Digitale Werkzeuge wie die LEIZA Samian Research Database revolutionieren die Keramikforschung: Produktionsmengen, chronologische Entwicklungen, regionale Verbreitungen und sogar Netzwerke der Töpfer werden zunehmend sichtbar. Wo früher analoge Töpferlisten nötig waren, ermöglichen heute digitale Eingaben und Algorithmen schnelle und präzise Auswertungen. Dadurch eröffnen sich neue Fragestellungen: Wohin exportierten die unterschiedlichen Werkstätten? Welche Töpfer oder welche Werkstätten dominierten wann und wo?

Augustalis ii war weder ein besonders bekannter Name in der Antike noch ein Töpfer mit starkem Exportvolumen – doch dank der sorgfältigen Erfassung seiner Stempel lebt er „digital“ in der Datenbank weiter. Mittlerweile sind über 254.000 Töpferstempel erfasst – ein beeindruckendes Archiv zu römischen Produktions- und Handelsnetzwerken (vgl. Abb. 1 und Abb. 3). Die Datenbank wird kontinuierlich erweitert und zeigt exemplarisch, wie altertumswissenschaftliche Forschung im digitalen Zeitalter funktionieren kann.[6]

Sharing is caring

Der entscheidende Punkt ist: Die Datenbank funktioniert nur durch gemeinschaftliches Engagement. Nur wenn Forschende die Töpferstempel auf ihrem Fundmaterial korrekt erfassen und die Ergebnisse auch teilen, entsteht belastbares Wissen. Sharing is caring lautet die Devise – das digitale Archiv entsteht als gemeinschaftlicher Aufbau der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Um die Qualität und Konsistenz der Dateneingaben sicherzustellen, bietet das Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) europaweit Workshops an, die Forschende im Umgang mit der Datenbank schulen und so aktiv zur Pflege des digitalen Erbes beitragen. Ein lebendiges Archiv, das durch kollektive Beteiligung stetig wächst – Fund um Fund, Byte um Byte. So wird vielleicht auch der nächste Terra Sigillata-Stempel, wie jener von Augustalis ii aus Carnuntum, nicht nur geborgen, sondern auch digital zum Sprechen gebracht.

Literaturempfehlungen

  • Dannell, Geoffrey B. und Allard W. Mees. 2013. The Mainz Internet Database of Names on Terra Sigillata. In Seeing Red: New Economic and Social Perspectives on Terra Sigillata, herausgegeben von Michael Fulford, Bulletin of the Institute of Classical Studies, Supplement 102. S. 28–35. London: Institute of Classical Studies, University of London.
  • Hartley, Brian R., Dannell, G. B., Dickinson, Brenda M. und Katharine F. Hartley. 20082012. Names on Terra Sigillata: An Index of Makers’ Stamps & Signatures on Gallo-Roman Terra Sigillata (Samian Ware). 9 Bde. London: Institute of Classical Studies.
  • Weber, Meike. 2013. A Reassessment of Pre-Consumption Deposits and Samian Export in the Antonine Period. In Seeing Red: New Economic and Social Perspectives on Terra Sigillata, herausgegeben von Michael Fulford, Bulletin of the Institute of Classical Studies, Supplement 102, S. 188–209. London: Institute of Classical Studies, University of London.

Fußnoten

[1] Hinker, Christoph. 2013. Ausgewählte Typologien provinzialrömischer Kleinfunde: Eine theoretische und praktische Einführung. Wien: LIT. S. 198–99.
[2] Weber, Meike. 2013. A Reassessment of Pre-Consumption Deposits and Samian Export in the Antonine Period. Seeing Red: New Economic and Social Perspectives on Terra Sigillata, herausgegeben von Michael Fulford, Bulletin of the Institute of Classical Studies, Supplement 102, S. 188–209. London: Institute of Classical Studies, University of London. S. 188–89.
[3] Hartley, Brian et al. 2008. Names on Terra Sigillata: An Index of Makers’ Stamps & Signatures on Gallo-Roman Terra Sigillata (Samian Ware). 1, A to Axo. London: Institute of Classical Studies. S. 8–9.
[4] Hartley, Brian et al. 20082012. Names on Terra Sigillata: An Index of Makers’ Stamps & Signatures on Gallo-Roman Terra Sigillata (Samian Ware). 9 Bde. London: Institute of Classical Studies.
[5] Delage, Richard. 2010. La sigillée de Rheinzabern. In La céramique romaine en Gaule du Nord. Dictionnaire des céramiques. La vaisselle à large diffusion, herausgegeben von Brulet, Raymond et al. S. 173–191. Tournhout: Brepols.
[6] Dannell, Geoffrey B. und Allard W. Mees. 2013. The Mainz Internet Database of Names on Terra Sigillata. In Seeing Red: New Economic and Social Perspectives on Terra Sigillata, herausgegeben von Michael Fulford, Bulletin of the Institute of Classical Studies, Supplement 102. S. 28–35. London: Institute of Classical Studies, University of London.


Zur Person

Elisabeth Todt ist Doktorandin der Klassischen Archäologie an der Universität Wien mit Schwerpunkt auf Provinzialrömische Archäologie. Ihre Forschung konzentriert sich auf römische Militärlager, Terra Sigillata und quantitative Fundanalysen. Derzeit untersucht sie die Entwicklung römischer Auxiliarkastelle in der Provinz Pannonien, exemplarisch am Reiterlager von Carnuntum. Sie verfügt über eine Bearbeitungslizenz für die Samian Research Database des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA).


Titelbild: Nahaufnahme des Stempels AVGVSTALIS.FEC auf der Bodeninnenseite eines Terra Sigillata-Gefäßes (©ÖAI/ÖAW).

Posted on Juli 9, 2025 (c) the Author & Public History Studies in Vienna.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Seminars der Doctoral School der Historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien entstanden.

Leave a Reply

Discover more from Public History at University of Vienna

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading