Johann Strauss
81 Prozent der Österreicher sind stolz auf ihr Land – aber dieses Gefühl hat eine Geschichte, die mühsam beginnt. Denn noch in den 1960er Jahren glaubte die Mehrheit nicht an eine eigene österreichische Nation. Wann also ist Österreich eigentlich Österreich geworden? Und was sagt die Forschung darüber, worauf dieser Stolz heute eigentlich gründet?
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Stellen Sie sich vor, Sie sind gerade dabei, einem mürrischen Ober in einem der traditionellen Wiener Kaffeehäuser ihren Wunsch nach einer Melange zu hinterlegen. Zu Ihrer Überraschung stellt Ihnen dieser einen kostenfreien Kaffee in Aussicht, sollten Sie folgende Frage beantworten können: Wann ist Österreich eigentlich Österreich geworden? „Nicht der Staat!“ – der ließe sich ja datieren, entgegnet er bestimmt. Es ginge um das Gefühl, Österreicher zu sein. Die Überzeugung, dass es so etwas wie eine österreichische Identität gibt, die man teilt, die einen verbindet, auf die man stolz sein kann. Sie beginnen nachzudenken. Und das aus gutem Grund.
Denn noch in den 1960er Jahren, also zwei Jahrzehnte nach Gründung der Zweiten Republik, glaubte die Mehrheit der Österreicher laut Umfragen nicht an ihre eigene Nation. [1] Österreichisch zu sein war eine Staatsangehörigkeit, keine nationale Identität. Ein nicht geringer Teil sah sich immer noch als Teil der deutschen Nation. Das Bewusstsein, eine eigene Nation zu sein, war erst am Entstehen. Einige würden sagen, sie wurde konstruiert. [2]
Heißt das also, dass österreichische Identität eine neuartige Erfindung ist? Eine kollektive Einbildung? Der geneigte Leser wird hier widersprechen. Er mag etwa die bis heute stolz zur Schau gestellte Zeit der Habsburger anführen oder den österreichischen Widerstand während der nationalsozialistischen Herrschaft. Vielleicht ist ihm sogar die Schrift „Zur österreichischen Nation“ des Kommunisten Alfred Klahr aus dem Jahr 1937 ein Begriff. Doch ist das Schicksal Österreichs, um es in den Worten Fritz Fellners zu sagen, sowohl 1918/19 als auch 1945 an der „deutschen“ und nicht der “österreichischen” Frage entschieden worden. [3] Österreich war hier nur Beifahrer oder, im Sinne Friedrich Heers, „fremd“- statt selbstgesteuert. [4]
Als der betagte Karl Renner im Sommer 1945 eine Übergangsregierung in Wien formte („Renner IV“), so war die Zukunft jenes Österreichs dieser Regierung gänzlich ungeklärt. Neben der desolaten Versorgungslage und den politischen Konflikten unter den Alliierten lag es nicht zuletzt auch daran, dass ein ausgeprägtes österreichisches Nationalbewusstsein als Basis eines neuen Staates nicht vorhanden war. [5]
Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage. Es geht schließlich um ein Freigetränk. Um die Frage nach dem Zeitpunkt einzugrenzen, müssen wir uns zunächst mit den Merkmalen jenes (fehlenden) österreichischen Nationalbewusstseins beschäftigen. Nennen wir es doch die “österreichische Identität”. Wenn diese heute immer noch tatsächlich nur eine Erfindung sein soll, was bedeutet das für jene 81 Prozent, die gegenwärtig sagen, sie seien stolz auf ihr Land?
Hinter jenem Fenster spielt sich für uns die Frage nach österreichischer Identität ab. (Foto: Rafael Gonzales, pexels.com)
In der Forschung gibt es darauf seit den 80er Jahren mehrheitlich eine klare und zunächst ernüchternde Antwort: Ja, nationale Identität ist immer eine Erfindung. Eine noch recht neue dazu. Die Idee einer homogenen ethnischen Nation, oder im deutschen Sprachgebrauch eines „Volks“, stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts. [6]
Im Sinne Eric Hobsbawms [7] wird sie kulturell hergestellt, durch Symbole, Erzählungen, Institutionen und kollektives Erinnern. Benedict Anderson hat dafür etwa den Begriff der „imagined communities“ [8] geprägt. Nationen sind Gemeinschaften, deren Mitglieder einander überwiegend nie begegnen werden – und die dennoch das Gefühl teilen, zusammenzugehören. Man denke bei jenem vermeintlichen Paradoxon an die zeitgenössischen „panem et circensis“ (Brot & Spiele), heute besser bekannt als Olympiaden oder Fußballturniere.
Österreichs „Imaginisierungsprozess“ lässt sich besonders plastisch nachverfolgen, da jener erst ab 1937 in der Entstehung war. Der Historiker Ernst Bruckmüller hat gezeigt, wie erst das österreichische Staatsbewusstsein und dann das Nationalbewusstsein in der Zweiten Republik fast planmäßig aufgebaut wurde: über den Staatsvertrag 1955, den Mythos der Neutralität, die Pflege kultureller und sportlicher Symbole von Mozart bis zum Skisport [9] – die Aufzählung ließe sich problemlos fortsetzen. Österreichische Intellektuelle haben sich eine Identität gebaut – auf einem Fundament, das nicht unproblematisch war und bald von der Vergangenheit eingeholt wurde.
Zentraler Bestandteil der österreichischen Identität der Zweiten Republik: Die Moskauer Deklaration von 1943. (ÖNB/Wien, PLA16319015)
Ein langer Bestandteil jener Identität war der Opfermythos: die Erzählung, Österreich sei das erste Opfer Hitler-Deutschlands gewesen, unschuldig überfallen, fremdbestimmt, leidend. Die Moskauer Deklaration von 1943, bei der zwar Österreichs Teilschuld vermerkt, jedoch Österreich gleichzeitig auch als „erstes Opfer“ der Nazis bezeichnet wurde, lieferte hier den Grundstein.
Was diese Erzählung verschwieg, war die breite Begeisterung vieler Österreicherinnen und Österreicher für den Anschluss 1938, die Beteiligung österreichischer Täterinnen und Täter am Holocaust und weiteren Kriegsverbrechen. Eine Identität, die auf Verdrängung gebaut ist, ist fragil. Das zeigte sich spätestens 1986.
Als Kurt Waldheim, damals Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, mit seiner Kriegsvergangenheit konfrontiert wurde, die er jahrzehntelang verschwiegen hatte, brach die mühsam konstruierte Selbstdarstellung Österreichs international in sich zusammen. Die Welt fragte: War Österreich wirklich Opfer – oder auch Täter? Das Land war gezwungen, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen.
Eine nationale Identität kann Wandlungen unterliegen, ohne davon zerstört zu werden. Der Opfer-Mythos ist hier nur ein Beispiel. Da wäre auch der Wandel der vormals deutschnationalen FPÖ – man denke nur an Haiders „Mißgeburt“-Ausspruch [10] – in eine österreichnationale Partei. Oder auch die Spannungen zwischen der verankerten Neutralität und dem EU-Beitritt 1995. Seitdem hat sich das österreichische Selbstbild verändert. Die Frage ist: Was bleibt von einer nationalen Identität, wenn man Teile ihrer Gründungslegende dekonstruiert? Ist dann noch etwas übrig? Oder war es immer nur eine leere Hülle?
Existiert sie? Oder ist österreichische Identität lediglich eine schöne Fassade wie jenes Panorama über den Hallstätter See? (Foto: Julius Silver, pixabay.com)
Hier liefert die aktuelle Forschung eine überraschende Antwort. Der Social Survey Österreich, eine der wichtigsten Langzeitbefragungen des Landes, zeigt: Das österreichische Nationalbewusstsein ist nicht geschwächt, sondern hat sich inhaltlich verschoben. Laut einer Vergleichsstudie der Universität Graz über die Jahre 1995 bis 2024 verloren Geschichte und politischer Einfluss für den Nationalstolz an Bedeutung. Sport, Kunst, Kultur nahmen an Bedeutung zu, ebenso das „Hier-Leben“ als solches. Nationale Identität ist folglich wandelfähig. [11]
Dieser Befund ist theoretisch nicht trivial. Henri Tajfel hat in seiner Theorie der sozialen Identität gezeigt, dass kollektive Identität nicht statisch ist, sondern in Abhängigkeit von Gruppenvergleichen und sozialen Bewertungsprozessen permanent neu ausgehandelt wird: Eine Gruppe definiert sich nicht ein für alle Mal, sondern orientiert sich daran, was in einem gegebenen sozialen Kontext positiv besetzbar ist. Sinkt der Stolz auf Geschichte, weil diese Geschichte ambivalent geworden ist, sucht das kollektive Selbst neue Ankerpunkte – und findet sie im Sport, in der Kultur, im konkreten Lebensraum. [12]
Identität ist damit, in den Worten Marko Demantowskys, stets ein „affirmatives Selbstverhältnis in limitischen Strukturen.“ [13] Sie bejaht sich selbst, aber immer nur innerhalb jener sozialen und historischen Grenzen, die ihr die Gegenwart setzt. Was Österreich heute als „österreichisch“ begreift, ist nicht dasselbe wie 1955 oder 1986 – und das ist kein Zeichen von Instabilität, sondern von Wandlungsfähigkeit.
Damit kehren wir zur Eingangsfrage zurück: Hat sich Österreich erfunden? Ja. Aber das ist kein österreichisches Spezifikum – es ist der Normalzustand aller modernen Nationen. In seiner Konsequenz auch aller menschlichen Kulturen. Es erscheint zudem gewöhnlich, soweit unser Exkurs zur österreichischen Identität es zuließ, Merkmale und dessen Veränderungen innerhalb eines Nationalbewusstseins feststellen zu können. Wir haben einige dieser österreichischen Merkmale gesammelt. Neutralitätsgesetz 1955, Opfer-Mythos, Kulturnation, Córdoba – Sie stoppen.
Ein kritischer Blick erweckt Sie aus unserer Gedankenreise. „Was ist nun ihre Antwort?“, fragen uns die ungeduldigen Augen des Obers. Sie zögern. Bei allen Gedanken zu den Merkmalen Österreichs kommt Ihnen kein stimmiges Datum in den Sinn. Ist es 1955? 1965? 1982? Da fällt Ihnen ein Zitat von Walter Bagehot ein, mit dem Sie ihre Kapitulation bereitwillig erklären: „Wir wissen, was es ist, solange uns niemand danach fragt, aber wir können es nicht sofort erklären oder definieren“ – „oder datieren“, ergänzt der Sieger schmunzelnd.
Bruckmüller, Ernst. Nation Österreich. Kulturelles Bewusstsein und gesellschaftlich-politische Prozesse. 2., Ergänzte und Erweiterte Auflage. Bd. 4. Böhlau Verlag, 1996.
Gellner, Ernest. Nationalismus und Moderne. 1. Auflage. Rotbuch Verlag, 1991.
Fellner, Fritz. Geschichtsschreibung und nationale Identität. Böhlau Verlag, 2002.
[1] Stourzh, Gerald, und Peter A. Ulram. Österreichbewusstein 1987. Dr. Fessel & Co, Institut für Meinungsforschung, 1987.
[2] Gellner, Ernest. Nationalismus und Moderne. 1. Auflage. Rotbuch Verlag, 1991.; Hobsbawm, Eric J. Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. 1991. 3. Auflage. Campus Verlag, 2005.
[3] Fellner, Fritz. Geschichtsschreibung und nationale Identität. Böhlau Verlag, 2002.
[4] Heer, Friedrich. Der Kampf um österreichische Identität. 3., Unveränderte Auflage. Böhlau Verlag, 2017.
[5] Bruckmüller, Ernst. Nation Österreich. Kulturelles Bewusstsein und gesellschaftlich-politische Prozesse. 2., Ergänzte und Erweiterte Auflage. Bd. 4. Böhlau Verlag, 1996.
[6] Gellner, Ernest. Nationalismus und Moderne. 1. Auflage. Rotbuch Verlag, 1991.
[7] Hobsbawm, Eric J. Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. 1991. 3. Auflage. Campus Verlag, 2005.
[8] Anderson, Benedict. Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. 1983; Verso, 2016.
[9] Rathkolb, Oliver. Die paradoxe Republik: Österreich 1945 bis 2025. Paul Zsolnay Verlag, 2025.
[10] ORF-Archiv. ORF-Inlandsreport, 18. 8. 1988.
[11] Hadler, Markus, Schaffer, Rebecca. Einstellungen zu nationaler Identität, Nationalstolz, Migration, sowie Rechten und Pflichten in einer Demokratie. Sozialer Survey 2023 – Datenreport 2. Zenodo, 2024.
[12] Tajfel, Henri. Human groups and social categories. Studies in the social psychology of intergroup relations. Cambridge: Cambridge University Press, 1981.
[13] Demantowsky, Marko. “What Is Public History.” In Public History and School, 1–38. Germany: Walter de Gruyter GmbH, 2018.
León Eberhardt ist doctoral candidate (Dr. phil.) im Arbeitsbereich Public History des Fakultätszentrums für transdisziplinäre historisch-kulturwissenschaftliche Studien der Universität Wien. Er hat zuvor Politikwissenschaft, Geschichte und Medien in Bamberg, Brüssel und Wien studiert. In seinem Dissertationsprojekt beschäftigt er sich mit den Leitmedien der Zweiten Republik, um diese auf Merkmale österreichischer Identität zu untersuchen.
Titelbild: Foto von der Johann-Strauß-Statue im Wiener Stadtpark, pixabay.com
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Seminars der Doctoral School der Historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien entstanden. Siehe die weiteren Beiträge.
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