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Erinnerungskultur im Waldviertel: Das Massaker von Hofamt Priel

„Das waren keine von uns, aber sie waren hier, mitten unter uns.“ Beim Massaker 1945 in Hofamt Priel wurden über 220 jüdische Menschen ermordet. Danach setzte oft ein Schutzreflex ein: Die Mörder mussten Fremde gewesen sein. Die lange Aufarbeitung zeigt, wie tief kollektives Wegsehen in einem Dorf verwurzelt sein kann.

DOI: 10.17613/6zfpy-c1672

Eine Bartholomäusnacht

Das Massaker von Hofamt Priel: Todesmärsche, systematische Erschöpfung und die gezielte Ermordung von Verfolgten des NS-Regimes prägten die Realität in Europa bis in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Ein signifikantes Beispiel für diese Verbrechen der Endphase ereignete sich in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 in der niederösterreichischen Gemeinde Hofamt Priel, wo über 220 jüdische Frauen, Männer und Kinder erschossen wurden. In zeitgenössischen Aufzeichnungen oft als „Bartholomäusnacht von Persenbeug“ bezeichnet, blieb das Massaker lange Zeit ein unterrepräsentiertes Kapitel der regionalen Zeitgeschichte.

Nach der Errichtung eines Gedenksteins im Jahr 1993 stieß das Ereignis 2021 durch den Dokumentarfilm „Endphase“ von Hans und Tobias Hochstöger auf eine neue Ebene der wissenschaftlichen und medialen Rezeption. Indem der Film Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, bietet er eine essenzielle multiperspektivische Aufarbeitung und verknüpft die individuelle Erinnerung mit der historischen Faktenlage. Er leistet somit einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Gedächtniskultur.

Die Ermordung von Jüdinnen und Juden in Hofamt Priel

Die heute 1699 Einwohner zählende Gemeinde Hofamt Priel, die geografisch die Grenze zwischen dem Strudengau und dem Nibelungengau markiert und sich durch ihre Lage gegenüber von Schloss Persenbeug, dem Geburtsort Kaiser Karls I., sowie der Donau auszeichnet, stellt sich gegenwärtig als attraktiver Ort für Neubauprojekte dar, eine Situation, die 1945 in keiner Weise gegeben war.[1] Damals fungierte die Gemeinde kaum als geschlossener Siedlungsraum, weshalb sich das soziale Leben primär im benachbarten Persenbeug konzentrierte, wo bereits in den 1920er-Jahren aufgrund der vorteilhaften topografischen Gegebenheiten der politische Wunsch nach dem Bau von Donaukraftwerken sowie einer Brückenverbindung nach Ybbs aufgekommen war. Während diese Projekte zunächst am fehlenden Kapital scheiterten, wurde der Bau des Kraftwerks Ybbs-Persenbeug nach dem „Anschluss“ 1938 im Zuge der nationalsozialistischen Kriegsvorbereitungen priorisiert und unter Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen vorangetrieben, bis die Arbeiten 1943/44 schließlich eingestellt werden mussten.[2]

In der Endphase des Krieges 1945 errichtete der Gendarmerieposten Persenbeug auf Befehl des Gendarmeriekreises Melk ein Auffanglager für Jüdinnen und Juden in jenen Baracken der Rhein-Main-Donau AG, die zuvor die Kraftwerksarbeiter beherbergt hatten. In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 eskalierte die Situation, als SS-Soldaten zunächst etwa 60 bis 65 jüdische Männer unter dem Vorwand eines Abtransports aus dem Lager führten, sie in Hofamt Priel erschossen und ihre Leichen in Brand setzten, woraufhin weitere Häftlinge in unmittelbarer Nähe sowie Frauen, Kinder und ältere Menschen direkt in den Baracken ermordet wurden.

Nur neun Personen überlebten dieses Massaker, dessen unbekannt gebliebene Täter die Opfer in einem nahegelegenen Acker verscharren ließen, von wo sie erst im April 1964 exhumiert und auf dem jüdischen Friedhof in St. Pölten beigesetzt wurden.[3] Heutige Forschungen gehen davon aus, dass der schnelle Vormarsch der alliierten Armeen, der eine Fortsetzung der Todesmärsche nach Mauthausen verhinderte, den Ausschlag für diese Gräueltat gab.

Die Errichtung des Mahnmals

Obwohl erste Bemühungen um ein Denkmal bereits in den 1960er-Jahren begannen, dauerte es rund drei Jahrzehnte, bis aus den Plänen Realität wurde. Ein entscheidender Impuls kam 1980 aus der Scheibbser Gemeinde Randegg, als dort ein Denkmal für ermordete Zwangsarbeiter errichtet wurde. In Hofamt Priel scheiterte die Umsetzung jedoch zunächst an fehlenden finanziellen Mitteln. Erst als der jüdische Arzt Dr. Ernst Fiala, der in der Gemeinde ein Haus besaß, von den Geschehnissen erfuhr und die Israelitische Kultusgemeinde Wien kontaktierte, kam Bewegung in die Sache.

Die Meilensteine der Erinnerung:

  • 1992: Errichtung des Gedenksteins
  • 1993: Offizielle Enthüllung im Rahmen einer Gedenkfeier
  • 1995: Beginn regelmäßiger Gedenkveranstaltungen alle fünf Jahre

Zuletzt versammelten sich am 16. Mai 2025 rund 80 Personen, um der Opfer zu gedenken. Bürgermeister Franz Jaschke betonte dabei die zentrale Verantwortung der Gemeinde: Es gelte, die Erinnerung wachzuhalten, damit sich solche Verbrechen niemals wiederholen. Direkt an einer Straße und an Wanderwegen gelegen, erzwingt der Gedenkstein eine Auseinandersetzung mit der Geschichte. Er trägt die Inschrift:

“Hier wurden 1945 in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 230 ungarische jüdische Männer, Frauen u. Kinder durch ein deutsches SS-Rollkommando hingerichtet. […] Wir verzeihen, aber vergessen nie!”

Ergänzt wird der Stein durch einen Davidstern, einen hebräischen Text und durch bunte Steine, auf denen die Namen der Ermordeten verzeichnet sind. Eine zweisprachige Informationstafel (Deutsch/Englisch) bietet zudem historischen Kontext für Passantinnen und Passanten.

In der heutigen Geschichtswissenschaft wird die Wortwahl des Denkmals durchaus kritisch hinterfragt. Der Politikwissenschafter Tobias Hochstöger weist auf zwei problematische Aspekte hin: zum einen nennt die Inschrift ein „deutsches SS-Rollkommando“, obwohl es historisch keine eindeutigen Belege für diese spezifische Täterschaft gibt. Zweitens kritisiert er die Wortwahl „Hinrichtung“. Dieser Begriff ist irreführend, da er einen rechtmäßigen Prozess oder ein Urteil suggeriert. Tatsächlich handelte es sich aber um einen willkürlichen Massenmord.

Die Gedenkfeier 2025 zeigte, wie moderne Erinnerungsarbeit aussehen kann. Neben der Wanderausstellung „Zwischenräume“ des Vereins MERKwürdig und einer historischen Erläuterung direkt am Gedenkstein, wurde auch das Medium Film genutzt. Nach einer Schweigeminute zeigten Tobias und Hans Hochstöger ihre Dokumentation „Endphase“, die das Thema auch visuell zugänglich macht.[4]

Endphase

„Erinnerungsarbeit scheitert häufig an der Sorge, sich in der eigenen Region Feinde zu machen. Daher müssen die Nachgeborenen den Mut aufbringen, unbequeme Fragen zu stellen.“[5] Hans und Tobias Hochstöger haben es sich mit ihrem Film zur Aufgabe gemacht, genau diesen Mut aufzubringen. Ihr Ziel ist es, Zeitzeuginnen, Zeitzeugen sowie den Angehörigen der Opfer eine Stimme zu geben und damit die regionale Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen voranzutreiben. Dabei geht es den Brüdern nicht darum, die eine „Wahrheit“ zu finden. Vielmehr rückt ihre Arbeit die individuellen Erfahrungen und persönlichen Erinnerungen der Menschen in den Fokus.

Dieser subjektive Zugang ermöglicht ein tieferes Verständnis der Ereignisse vor Ort. Bei ihrer Arbeit stoßen die Brüder jedoch immer wieder auf zwei große Hindernisse: Gleichgültigkeit und Unglaube. Oft herrscht die schützende Vorstellung vor, dass die Täter keine „normalen“ Bürger aus der eigenen Umgebung hätten sein können. Diese psychologische Barriere zu durchbrechen, ist einer der wichtigsten Schritte, um die Geschichte von Hofamt Priel ehrlich aufzuarbeiten.

Auszug aus dem Film “Endphase” (c) Hans Hochstöger 2020 [6]

Der Film dient als sachliche Ergänzung zu einer Inschrift, die historisch unpräzise bleibt und den gesellschaftlichen Kontext der Tatzeit weitgehend ausblendet. Durch die Dokumentation persönlicher Schicksale überführt das Projekt das Massaker von Hofamt Priel von einer abstrakten historischen Notiz in eine greifbare regionale Zeitgeschichte. Die Arbeit der Hochstögers verdeutlicht, dass Denkmäler allein keine vollständige Erinnerungskultur gewährleisten. Sie bedürfen einer Aufarbeitung, die über das bloße Gedenken hinausgeht. Der Film leistet hier einen wesentlichen Beitrag, indem er den Dialog fördert und zeigt, dass die Auseinandersetzung mit regionalen NS-Verbrechen ein fortlaufender Prozess ist.

Weiterführende Literatur


Fußnoten

[1] Zahlen und Fakten der Gemeinde Hofamt Priel, online unter: https://www.hofamtpriel.at/Unsere_Gemeinde/Wissenswertes/Zahlen_und_Fakten (Zugriff am 22.04.2026).

[2] Béla Rásky, 1959: Kraftwerk Ybbs-Persenbeug. NS-Zwangsarbeit und Symbol des Wiederaufbaus, In: Digitales Museum Haus der Geschichte Österreich, online unter: https://hdgoe.at/kraftwerk-ybbs-persenbeug (Zugriff am 22.04.2026).

[3] „Hofamt Priel“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. Mai 2026, 08:17 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hofamt_Priel&oldid=266695892 (Zugriff am 14. Mai 2026, 16:39 UTC).

[4] Würdige Gedenkfeier in Hofamt Priel (19.05.2025), online unter: https://www.hofamtpriel.gv.at/Wuerdige_Gedenkfeier_in_Hofamt_Priel (Zugriff am 22.04.2026).

[5] Daniela Ingruber über den Film Endphase, In: Sixpackfilm, online unter https://www.sixpackfilm.com/de/catalogue/2680/ (Zugriff am 14.05.2026).

[6] Hans Hochstöger, Auszug aus dem Film Endphase (2020), In: Sixpackfilm, online unter https://www.sixpackfilm.com/de/catalogue/2680/ (Zugriff am 14.05.2026).


Über die Autorin

Sarah Forstner, B.A., studiert Geschichte an der Universität Wien und war 2026 Volontärin für Digital Public History am Fakultätszentrum für transdisziplinäre historisch-kulturwissenschaftliche Studien.

Sarah Forstner

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