Was steckt hinter dem Tiger-Panzer-Mythos? Dem Panzer eilt ein Ruf als überlegenes Waffensystem voraus, dabei handelt es sich allerdings um einen Mythos. Wenn nach Roland Barthes der Mythos ein Zeichen für etwas ist, was symbolisiert dann der Tiger-Mythos? Vom überlegenen Panzer ist es nicht weit zum überlegenen Volk, zur deutschen Überlegenheit, technisch wie mensch- beziehungsweise männlich. Welche Rolle dabei der Topos der deutschen Wertarbeit und spezifische Maskulinitätsvorstellungen spielen, wird im Folgenden beantwortet. So treten Kontinuitäten in Erzählungen während wie nach dem Zweiten Weltkrieg zutage.
DOI: 10.17613/2v47r-dsq27
Der Tiger-Panzer ist über seine mediale Rezeption – vor allem in digitalen Spielen sowie Film und Fernsehen – zu einer Ikone des Zweiten Weltkrieges geworden. Seine mediale Omnipräsenz bildet einen fruchtbaren Nährboden für den Tiger-Mythos. Der Tiger als moderner, überlegener, beinahe unverwundbarer Panzer, der in den Händen heldenhafter Besatzungen und vor allem ihrer Kommandanten zur Wunderwaffe wird. Wer zu dessen Verbreitung in digitalen Spielen mehr erfahren will, sei auf einen anderen Blogbeitrag verwiesen.[1] Dieser Beitrag widmet sich Roland Barthes Konzept des Mythos, der als sekundäres semiologisches System stets als Zeichen für etwas steht. Wofür steht also der Tiger-Mythos und welche Funktion erfüllt er?
Der Mythos ist nach Barthes ein System der Kommunikation, er „ist eine Rede“.[2] Demnach kann alles zum Mythos werden, da es sich eben um eine bestimmte Form handelt und nicht etwas, das genuin in einen Gegenstand oder ein Phänomen eingeschrieben ist. Er hat stets eine geschichtliche Grundlage, [3] so Barthes und er „wird als Faktensystem gelesen, während er doch nur ein semiologisches System ist.“[4] Was ist mit diesem Rätselwort des semiologischen Systems gemeint?
Ein semiologisches System besteht aus einem Signifikanten und einem Signifikat, die aufeinander bezogen ein Zeichen ergeben. Das wirkt auf den ersten Blick kompliziert, ist jedoch erstaunlich simpel, wenn man es anhand eines Beispiels konkretisiert. Ein Strauß Rosen steht für die Liebe. Insofern ist der Rosenstrauß der Signifikant, also der Träger der Botschaft, während das Signifikat, gewissermaßen die Botschaft, die Liebe ist. Das Zeichen sind dann die liebevollen Rosen. Bei dem Mythos handelt es sich nun um ein semiologisches System zweiter Ordnung. Das Zeichen ist nun wieder Signifikant für ein Signifikat und bildet damit ein weiteres Zeichen. So kann der überlegene Tiger-Panzer (Signifikant) für überlegene deutsche Ingenieurskunst (Signifikat) stehen.
An dieser Stelle sei auf Eugen Pfisters Blog „Politische Mythen im Digitalen Spiel“ verwiesen, da ich dessen methodischen Ansatz für diesen Beitrag übernommen habe, insbesondere den Artikel, in dem er sich detailliert dem Begriff des Mythos widmet.[5]
Der Tiger wird als Signifikant mit den Signifikaten der Modernität, seiner angeblichen Unverwundbarkeit bei hoher Feuerkraft, und der Bemannung durch heldenhafte Besatzungen attribuiert. Wofür steht aber nun der Tiger-Mythos als Zeichen, oder anders ausgedrückt, wofür stehen diese Zuschreibungen im sekundären semiologischen System? Beide Attribuierungen lassen sich als Aspekte der Überlegenheit gegenüber seinen Feinden zusammenfassen. Insofern steht der Tiger-Panzer für deutsche Überlegenheit im historischen Rückblick auf einen – aus deutscher Sicht – verlorenen Krieg. Dabei geht sein Mythos über den anderer deutscher Waffensysteme, die einen ähnlichen Status als Ikone erlangt haben – man denke etwa an die mediale Rezeption des Sturmgewehrs 44 oder der V-2-Rakete – hinaus, da er nicht nur technische, sondern auch menschliche deutsche Überlegenheit propagiert.
„Deutschland besitzt den besten Panzer der Welt […] Geniale technische Leistung“[6] titelte die Kronenzeitung im April des Jahres 1943. Im Jahr 2024 kann man folgendes im Fan-Lexikon eines Panzersimulationsspiels lesen: „The Tiger H1, capable of fighting any adversary at any range, is a true marvel of German engineering during World War II and will undoubtedly reward players well.“[7]
Oft wird der Tiger als Panzer, der seiner Zeit voraus war präsentiert.[8] Dies ist allerdings in Fachkreisen umstritten, da der Tiger zwar über moderne Features wie seinem komplizierten Schachtellaufwerk oder seine Tauchfähigkeit verfügte, diese aber nicht sonderlich viel zu seinem Kampfwert – gewissermaßen der militärische Wert des Panzers auf dem Schlachtfeld – beitrugen. Die dafür entscheidenden Parameter, nämlich die Dicke seiner Panzerung und das Kaliber seiner Kanone, waren im Design insofern konservativ, als das Bestehendes hochskaliert wurde. So wurde beispielsweise eine wenig angewinkelte Panzerung massiver konstruiert, anstatt wie beim T-34 den Panzer so zu konzipieren, dass er über eine abgeschrägte Panzerung verfügt. Diese bietet bei derselben Dicke mehr Schutz, da aufgrund des Winkels, in dem feindliche Geschosse aufschlagen, mehr Material durchdrungen werden muss.
„Starke Panzerung und die alles durchschlagende Feuerkraft seiner großkalibrigen Kanone machen den ‚Tiger‘ überall, wo er auftaucht, im Angriff wie bei der Abwehr, zu einem wahren Schrecken des Gegners.“[9]
Überlegener Panzerschutz bei hoher eigener Feuerkraft, das heißt der Tiger als Panzer, der selbst vermeintlich unverwundbar ist und gleichzeitig eine massive Bedrohung für alle anderen feindlichen Panzer darstellt, sind gewissermaßen Konsequenz seiner Entwicklung. Der Unbesiegbarkeits-Nimbus bildet damit den zweiten Teil der angeblichen technischen Überlegenheit des Tigers. Er erfüllt auch eine Brückenfunktion zur männ- beziehungsweise menschlichen Überlegenheit, doch davon später.
Zuerst gilt es klarzustellen, dass der Tiger viele alliierte Panzer auf eine Distanz zerstören konnte, bei der ihm diese nicht gefährlich werden konnten. Allerdings nur unter der Bedingung idealer Geländeverhältnissen und wenn er ihnen die Frontpanzerung zudrehte bzw. der Tiger leicht angewinkelt stand, das heißt wenn sich der Feind beispielsweise auf elf oder ein Uhr zum Tiger befand.[10]
Die zugeschriebene Modernität sowie überlegene Panzerung und Feuerkraft müssen als Mythos allerdings keiner kritischen Prüfung standhalten, wie eben dargelegt. Sie erfüllen ihre Funktion als Zeichen für eine auf hohe Qualität in Design und Produktion ausgelegte Industrie. Diese Vorstellung ist mit der NS-Ideologie von einer „Herrenrasse“, die eben auch geistig und kulturell anderen „Rassen“ überlegen sei, vereinbar. Zugespitzt eine überlegene „Rasse“ bringt auch eine überlegene Industrie hervor. Gleichzeitig ist das Zeichen aber auch mit den deutschen Nachkriegserzählungen beziehungsweise nationalen Identitätskonstruktionen der BRD und des vereinten Deutschlands kompatibel. Denn deutsche Ingenieurskunst und Wertarbeit sind Teil der Narrationen über Wiederaufbau und „Wirtschaftswunder“ in den 1950er und 1960er Jahren, wie auch des Strukturwandels und der technologischen Innovation in den 1980er Jahren.
„Wer macht da Kratzer in den Lack?“ bekommt man im Spiel Blitzkrieg 2 zu hören, wenn eine Königstiger-Einheit beschossen wird. Diese Wortmeldung der Besatzung gibt einen wichtigen Hinweis: Wenn man den Tiger-Panzer ausschließlich als technisches Waffensystem betrachtet, bleibt ein wesentlicher Teil des Tiger-Mythos unerkannt, nämlich seine „heldenhaften“ Besatzungen und vor allem deren Kommandanten. „Ein ‚Tiger‘ gegen 60 Sowjetpanzer; 22 abgeschossen, die übrigen in die Flucht geschlagen / Meisterstück eines SS-Unterscharführers / Das Ritterkreuz vom Führer verliehen“ konnte man als Schlagzeile am 14. Juli 1943 in der Wiener Kronenzeitung lesen.[11] Auch die drei bekanntesten deutschen Panzerkommandanten – Otto Carius, Michael Wittmann und Kurt Knispel – fuhren seit dem Jahr 1943 auf Tiger-Panzern (Tiger I, Tiger II oder Jagdtiger) ins Gefecht.
Manche dieser „Tiger-Asse“ treten in digitalen Spielen auf, beispielsweise Michael Wittmann in einer eigenen Company of Heroes Kampagne[12] oder als besonders starke Panzereinheit in Steel Division: Normandy 44 sowie Steel Division II. Ohne hier genauer auf die faktische Basis dieser durch die NS-Propaganda hochgespielten „Kriegshelden“ und deren Einsätze einzugehen oder diese mit ihrer Rezeption in digitalen Spielen zu vergleichen (siehe Blog “in the Eye of the Tiger”), möchte sich dieser Beitrag auf den Tiger-Mythos als Zeichen für menschliche und präziser formuliert männliche Überlegenheit konzentrieren.
Dabei wird der Tiger zum Symbol für eine bestimmte Art von Männlichkeitskonstruktion. Er konnotiert Härte im doppelten Sinne, die der Panzerung und die der Besatzungen, die unter Stress zusammenarbeiten müssen. Dabei sticht hervor, dass sich meist wenige oder ein einzelner Tiger gegen zahlenmäßig weit überlegene Feinde behaupten. Es handelt sich um einen klassischen Topos in Bezug auf Kriegshelden oder Heldengeschichten, man denke nur an die Schlacht bei den Thermophylen in ihrer popkulturellen Rezeption, dem Film „300“. Wobei gerade Sparta beziehungsweise die Spartaner eine herausragende Projektionsfläche für Maskulinitätsvorstellungen darstellen.
Aber zurück zum Tiger, gewissermaßen dem „Spartaner“ unter den Panzern. In Verbindung mit dem Topos „Wenige oder Einer gegen Viele“ steht die Zuschreibung von Mut beziehungsweise Furchtlosigkeit und Tapferkeit beziehungsweise Opferbereitschaft, als männliche wie auch soldatische Tugenden, um angesichts einer Vielzahl von Feinden dennoch standhaft zu bleiben oder sogar in den Angriff überzugehen. Insofern dient der Tiger-Mythos auch als Zeichen überlegener Männlichkeit. Ob nun im Sinne eines, als dem Männerbild der Nationalsozialisten entsprechende furchtlosen, harten, bis zum Äußersten pflichtbewussten Panzerführers, oder einem allgemeiner gehaltenen Männerbilds eines Soldaten, das zwar auch durch Mut, einer gewissen Härte und Pflichtbewusstheit geprägt ist, das allerdings nicht auf Menschenverachtung und einer rassistischen Ideologie der menschlichen Ungleichheit basiert.
Folgt man Barthes Konzept des Mythos als Zeichen, so steht der Tiger-Mythos für technische wie menschliche deutsche Überlegenheit. Dies ist natürlich kein Befund im Sinne einer absoluten Wahrheit, sondern eine Interpretation der Erzählungen, die diese in den Kontext kontemporärer wie vergangener Diskurse einbettet. Außerdem handelt es sich um eine österreichische Perspektive auf dieses Phänomen. Insofern wäre es interessant, sie um eine oder mehrere internationale Perspektiven zum Tiger-Mythos zu ergänzen. Dies bleibt vorerst allerdings ein Desiderat der Forschung. Unabhängig davon, ob man die in diesem Beitrag vorgenommenen Deutungen verwirft oder sie als legitim betrachtet, lässt sich am Tiger-Mythos zeigen, wie sich Mythen über lange Zeit halten oder sogar wiederentdeckt werden können. Selbst wenn sie dabei einen medialen Gattungswechsel von einer propagandistischen Tageszeitung hin zu einem digitalen Spiel vollziehen.
[1] Prager, Lorenz. In the Eye of the Tiger. Den Tiger-Panzer-Mythos spielen. Online unter: https://publichistoryinvienna.com/eye-of-the-tiger/ (30.06.2024). [2] Barthes, Roland. Mythen des Alltags. (Berlin 2012), 251.
[3] Barthes. Mythen des Alltags, 252.
[4] Barthes. Mythen des Alltags, 280.
[5] Pfister, Eugen. Roland Barthes Mythos-Begriff. Das Politische im populären Diskurs. In: Pfister Eugen (Hg.) Spiel-Kultur-Wissenschaften. Politische Mythen im digitalen Spiel. Online unter: https://spielkult.hypotheses.org/349 (30.06.2024).
[6] ANNO. Illustrierte Kronen Zeitung, 1943-04-17, Seite 1 (onb.ac.at) (30.06.2024).
[7] War Thunder Wiki. Tiger H1, online unter: https://wiki.warthunder.com/Tiger_H1 (30.06.2024).
[8] Prager, Lorenz. In the Eye of the Tiger.
[9] ANNO. Völkischer Beobachter, 1943-04-14, Seite 1 (onb.ac.at) (30.06.2024).
[10] Prager, Lorenz. In the Eye of the Tiger.
[11] ANNO. Illustrierte Kronen Zeitung, 1943-07-14, Seite 1 (onb.ac.at) (30.06.2024)
[12] Prager, Lorenz. In the Eye of the Tiger.
Author
Lorenz Prager ist seit Oktober 2024 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Zentrum Polis, wo er sich mit Digitalität und politischer Bildung beschäftig. Davor war er am Arbeitsbereich für Geschichtsdidaktik der Universität Wien tätig. Er promoviert zur Repräsentationen der Shoah in digitalen Spielen.
Credentials for featured image: By ANNO/Österreichische Nationalbibliothek, CC BY-SA, Ausschnitt aus dem Völkischen Beobachter Wiener Ausgabe, 17. April 1943, 107. Ausgabe 56. Jahrgang, Seite 1.
Publication date: 2025/01/21
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